(1) Herbstlich-turbolenter Saisonauftakt

Nach ziemlich genau drei Monaten Pause startet die Internetracer-Liga in die nächste Saison. Und die dürfte durch einige Änderungen des Reglements härter werden als jemals zuvor. Zwar wird der Kalender von zehn auf acht Rallyes, die nun im Drei-Wochen-Rhythmus stattfinden, reduziert, doch dafür entfallen auch die beiden Streichresultate, die in der letzten Saison noch Fehler verziehen.

  Für zusätzliche Spannung soll die Einführung der sogenannten Powerstage sorgen, die als letzte Prüfung einer jeden Rallye ausgetragen wird und den auf dieser Prüfung schnellsten Fünf Bonuspunkte im Kampf um die Meisterschaftskrone einbringt. Die Krux daran: Die letzten vier Wertungsprüfungen müssen jeweils ohne Reparaturmöglichkeit bestritten werden; eine diffizile Gratwanderung zwischen Schonung des Materials einerseits und dem Bestreben nach bestmöglichen Zeiten andererseits.

 

Es sind nur drei Ziffern in der Ausschreibung, die erahnen lassen, welch fahrerische Herausforderungen auf die Teilnehmer der ersten Rallye der neuen Saison wartet: 150. Genau so viele Kilometer gilt es diesmal auf Bestzeit zu absolvieren, ziemlich genau dreißig mehr, als es in der vergangenen Saison der Fall war.

  Der Herbst ist launisch, er ist unbeständig, er weicht ab. Dementsprechend ist es auch kaum verwunderlich, dass mit der legendären „Kakaristo“ die längste Wertungsprüfung der Meisterschaft ganz oben auf dem Zeitplan steht.

  Man merkt Joker Junior den Sprung ins sprichwörtlich kalte Wasser nach der heißen Sommerpause nicht an; hinter dem Volant seines Delta S4 stürmt er „wie erwartet“ an die Spitze des Tableaus und baut seinen Vorsprung nach nur vier absolvierten Prüfungen auf knapp eine halbe Minute auf Starving, der den bekannten Ford Fiesta WRC einsetzt, aus. Von den ganz großen Namen der vergangenen Meisterschaftsrunde fehlen zum Saisonbeginn fast alle; dementsprechend rückt die zweite Garde in den erweiterten Favoritenkreis vor, was den sportlichen Wettkampf jedoch keineswegs mindert. Im Gegenteil: Nach vier gefahrenen Prüfungen hat Aufsteiger 32.Göran Nilson als zweitbester WRC-Pilot Mühe, die betagten, aber leistungsstarken Gruppe A-Boliden Roccon-m (Subaru) und I-K-R MavTheCrow (Lancia Delta) in Zaum zu halten.

  Gerade auf einer seiner Heimstrecken, der „Frauenberg“-WP, leistet sich Joker Junior einen seiner eher seltenen Fehler, denn der Lancia-Pilot setzt im strömenden Regen einen Bremspunkt unter diesen Bedingungen Lichtjahre zu spät; mit einem Reifenschaden, den er auf der Prüfung wechseln muss, und einer Leckage am Kühler kommt er noch glimpflich davon. So ist es Starving, der sich die Bestzeit notieren lässt, dicht gefolgt von Roccon-m (sein Impreza trägt das Kleid des von Colin McRae pilotierten Modells als Erinnerung an den vor zehn Jahren verstorbenen Driftmeister) und Litermonti im einzig verbliebenen NR4-Mitsubishi, der seine Asphaltqualitäten und den Heimvorteil perfekt ausnutzt.

  Es folgt ein Double schwedischer Schneepisten, lang, rhythmisch und verdammt schnell. 32.Göran Nilson, unweit der Prüfungen beheimatet, bläst zur Attacke und scheucht den Ford Fiesta mit viel Herz zu zwei Bestzeiten. Die spezielle Streckencharakteristik ruft zwei weitere Fahrer auf den Plan: Im zehn Jahre alten Ford Focus stürmt trex auf WP6 zur zweitschnellsten Zeit, während RossiFromNGK den noch von der Sommerpause vorhandenen Rost abschüttelt und munter an der Spitze mitmischt. Fast scheint es, als wolle Starving die Spannung an der Spitze durch einen Ausritt mit massivem Zeitverlust beim Versuch, sich aus einer Schneewehe zu befreien, künstlich in die Höhe treiben, denn zur Halbzeit trennen die beiden Kontrahenten an der Spitze – Joker Junior hat sich schadlos gehalten und auf Platz zwei vorgeschoben – lediglich noch vier Sekunden.

  Vor dem harten Schotterfinale stehen fünf weitere Wertungsprüfungen auf dem Zeitplan; Joker Junior kann die zwischenzeitliche Schwächephase schnell hinter sich lassen und drei weitere Bestzeiten setzen, sodass der Gruppe B-Pilot nach WP12 mit gut fünfzig Sekunden Vorsprung auf Starving deutlich an der Spitze liegt. Chancen ausrechnen können sich zu diesem Zeitpunkt auch noch immer die Nächstplatzierten, denn Roccon-m, 32.Göran Nilson und RossiFromNGK trennen nur sechs Sekunden, auch trex kann befindet sich fünfundzwanzig Sekunden hinter dem Trio noch in Schlagdistanz.

  Tatsächlich fällt die Entscheidung auf den insgesamt vierzig Wertungskilometern auf hartem griechischem Schotter am Ende deutlicher aus als erwartet. Starving hat Mühe, den Fiesta WRC auf den tückischen Pisten zu bändigen und einen vernünftigen Fahrrhythmus zu finden. Bei verhaltener Fahrweise und kleineren Fehlern auf den ersten beiden Prüfungen des Finales verliert der Este so viel Zeit, dass auch die Bestzeit auf der vorletzten Prüfung kaum ins Gewicht fällt. Immerhin vier Zusatzpunkte kann er auf der Powerstage einfahren, doch Spitzenreiter Joker Junior sichert sich hier seine insgesamt zehnte Bestzeit und krönt die nicht ganz fehlerfreie Fahrt mit vollen Zusatzpunkten.

  Dass Freud und Leid oftmals eng beieinander liegen, muss Roccon-m bei dieser Rallye schmerzlich erfahren. Statt den sicher geglaubten dritten Gesamtrang und somit enorm wichtige Punkte in der Meisterschaft einzufahren, scheinen ihn die Bonuspunkte auf der Powerstage noch ein wenig mehr zu reizen – und sorgen für bittere Enttäuschung, als er den Subaru Impreza GT auf der letzten Prüfung erst neben der Strecke parkt und sich dann mit Max-Zeit auf Platz vierzehn – statt drei (!) - ins Ziel schleppt. Noch schlimmer erwischt es im Finale 32.Göran Nilson, dem auf WP14 die Straße ausgeht und er endgültig aufgeben muss.

  Somit erbt RossiFromNGK den dritten Platz – sowohl im Gesamt als auch auf der Powerstage – nach immer shcnelleren Zeiten nicht unverdient und kann den zweiten Platz in der stark besetzten 1,6 L-Klasse der World Rally Cars sichern.

  Mit etwas Abstand erreicht trex im Ford Focus als Vierter das Ziel; auch er darf sich über zwei Zusatzpunkte sowie den Sieg in der 2L-Klasse freuen.

  Mit über zwanzig Jahre alter Technik unter der Haube schafft es I-K-R MavTheCrow im Lancia Delta Integrale, Mitsubishi-Experte Litermonti in der 10er Version des japanischen Turboallradlers hinter sich zu halten.

  Hinter den beiden laufen jak2755 im ehemaligen Einsatzfahrzeuges von Weltmeister Sébastien Ogier und Routinier Bleifussler ein, der im Citroën C4 WRC sogar einen Punkt auf der Powerstage einstreicht.

  Reini Graf von Speed, der dieses Mal im modernen Hyundai i20 WRC Platz nimmt, hat nach der langen Sommerpause etwas Eingewöhnungsschwierigkeiten, fängt aber auf der Powerstage noch ralle711 im 2001er Subaru Impreza WRC ab und sichert sich somit Platz neun. Knapp an den besten Zehn vorbei schrammt RainerWahnsinn, ebenfalls im Impreza WRC unterwegs, der gegen ralle711 mit rund einer Minute Rückstand im teaminternen Duell den Kürzeren zieht.

  Held des Tages dürfte für die allermeisten Zuschauer Stepan Stepanowitch sein, der das bekannte KitCar aus dem Hause Peugeot einer gründlichen Revision unterziehen möchte und daher auf die eher schwachbrüstige Alpine A110 umsattelt, mit der er aber trotzdem mächtig Spaß hat, auch wenn mit der Flunder kein Stich gegen die mehr als doppelt so starke Konkurrenz zu erzielen ist.

  Nur vierzehn der vierundzwanzig Starter sehen letztlich das Ziel.

 

Ein klarer Gesamtsieg und volle Punktzahl in der Powerstage – Joker Junior erfüllt alle Bedingungen, die vermeintlich zur Spitzenposition in der Meisterschaft führen sollten. Ein Trugschluss, denn die Allradklasse der Gruppe B erreicht zum ersten Mal seit fünf Läufen nicht die Mindeststarterzahl von dreien, sodass nur reduzierte Punkte vergeben werden. Daher gelingt es Starving, die Spitze des Klassements mit 39 Zählern zu übernehmen, dicht gefolgt von trex (37 Punkte) und Gruppe A-Speerspitze I-K-R MavTheCrow mit 35 Punkten. RossiFromNGK belegt mit immerhin 31 Zählern Platz vier, erst danach folgt Joker Junior mit 30 Punkten.

 

Der Historic Cup erfährt auch in der eine ordentliche Beteiligung und stellt mit acht Teilnehmern ein Drittel des gesamten Starterfeldes. Aufgrund des Gesamtsiegs kann sich Joker Junior wenigstens in diesem Championnat über die Gesamtführung freuen, wenngleich er sich den Thron mit I-K-R MavTheCrow (beide 10 Punkte) teilen muss. Trotz Leistungsnachteils schafft Stepan Stepanowitch mit acht Punkten noch auf das Podium; ihm spielt der hohe Wertungskoeffizient von 2 in die Karten. Nur knapp dahinter liegt Mario mit 7,5 Punkten. Eine spannende Ausgangslage im Bezug auf die kommenden Rallyes.